INTERNATIONALE ARCHITEKTUR – Gropius



VORWORT

Die INTERNATIONALE ARCHITEKTUR  ist ein Bilder, buch moderner Baukunst. Es will in knapper Form Überblick über das Schaffen führender moderner Architekten der Kulturländer geben und mit der heutigen architektonischen Gestaltsentwicklung vertraut machen (1).

Die nach besonderer Auswahl abgebildeten Werk e tragen neben ihren verschiedenen individuellen und nationalen Eigentümlich keiten gemeinsame, für alle Länder übereinstimmende Gesichtszüge. Diese Verwandtschaft, die jeder Laie feststellen kann, ist ein Zeichen von zukunftsweisender Bedeutung und Vorbote eines allgemeinen Gestaltungswillens von grundlegend neuer Art, der seine Repräsentanten in allen Kulturländern der Erde findet.

In dem vergangenen Zeitabschnitt versank die Kunst des Bauens in einer sentimentalen, ästhetisch dekorativen Auffassung, die ihr Ziel in äußerlicher Verwendung von Motiven, Ornamenten und Profilen meist vergangener Kulturen erblickte, die ohne notwendige innere Beziehung den Baukörper bedeckten.

Der Bau wurd e so zu einem Träger äußerlicher, toter Schmuckformen herabgewürdigt, anstatt ein lebendiger Organismus zu sein. Die unerläßliche Veribindung mit der fortschreitenden Technik, ihren neuen Baustoffen und neuen Konstruktionen verlor sich in diesem Niedergang, der Architekt, der Künstler blieb, ohne die souveränen Möglichkeiten der Technik zu beherrschen, im akademischen Ästhetentum hängen, ward müde und konventionsbefangen und die Gestaltung der Behausung und der Städte entglitt ihm. Diese formalistische Entwicklung, die sich in den schnell einander ablösenden ,,Ismen“ der ver gangenen Jahrzehnte spiegelte, scheint ihr Ende erreicht zu haben. Eine neue wesenhafte Baugesinnung entfaltet sich gleichzeitig in allen Kulturländern. Die Erkenntnis wächst, daß ein lebendiger Gestaltungswille, in der Gesamtheit der Gesellschaft und ihres Lebens wurzelnd, alle Gebiete menschlicher Gestaltung zu einheitlichem Ziel umschließt — im Bau beginnt und endet. Folge dieses veränderten und vertieften Geistes und seiner neuen technischen Mittel ist eine veränderte Baugestalt, die nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern aus dem Wesen des Baues entspringt, aus seiner Funktion, die er erfüllen soll. Die vergangene Epoche des For malismus verkehrte den natürlichen Satz, daß das Wesen eines Baues seine Technik bestimmt und diese wieder seine Gestalt, sie vergaß das Wesentliche und Ursächliche über Äußerlichkeiten der Form und über den Mitteln ihrer Darstellung. Abe r der neue Gestaltungsgeist, der sich langsam zu entwickeln beginnt, geht wieder auf den Grund der Dinge: um ein Ding so zu gestalten, daß es richtig funktioniert, ein Möbel, ein Haus, wird sein Wesen zuerst erforscht. Die Wesensforschung eines Bauwerkes ist ebenso an die Grenzen der Mechanik, Statik, Optik und Akustik gebunden, wie an die Gesetze der Proportion. Die Proportion ist eine Angelegenheit der geistigen Welt, Stoff und Konstruktion er* scheinen als ihre Träger, mit Hilfe deren sie den Geist ihres Meisters manifestiert; sie ist gebunden an die Funktion des Baues, sagt über sein Wesen aus und gibt ihm erst die Spannung, das eigene geistige Leben über seinen Nützlichkeitswert hinaus. Zwischen einer Viel heit gleichmäßig ökonomischer Lösungsmöglichkeiten — es gibt deren viele für jede Bauaufgabe — wählt der schaffende Künstler innerhalb der Grenzen, die ihm seine Zeit steckt, nach person lichém Empfinden die ihm gemäße aus. Das Werk trägt infolge : dessen die Handschrift seines Schöpfers. Abe r es ist irrig, daraus die Notwendigkeit zur Betonung des Individuellen um jeden Preis zu folgern. Im Gegenteil, der Wille zur Entwicklung eines einheit-liehen Weltbildes, der unsere Zeit kennzeichnet, setzt die Sehnsucht voraus, die geistigen Werte aus ihrer individuellen Beschränkung zu befreien und sie zu objektiver Geltung emporzuheben. Dan n folgt die Einheit der äußeren Gestaltungen, die zur Kultur führen, von selbst nach. In der modernen Baukunst ist die Objektivierung von Persönlichem un d Nationalem deutlich erkennbar. Eine durch Weltverkeh r und Welttechni k bedingte Einheitlichkeit des modernen Baugepräges über die natürlichen Grenzen, an die Völker und Individuen gebunden bleiben, hinaus, bricht sich in allen Kulturländern Bahn. Architektur ist imme r national, imme r auch individuell, aber von den drei konzentrischen Kreisen — Indi viduum — Volk — Menschheit — umspann t der letzte größte auch die beiden anderen. Daher der Titel:

INTERNATIONAL E ARCHITEKTUR“ ! 

Bei der Betrachtung der Abbildunge n dieses Buches vergegenwärtige man sich: Die knappe Ausnutzun g von Zeit, Raum, Stoff un d Geld in Industrie un d Wirtschaft bestimmt entscheidend die Faktoren der Gesichtsbildung für alle moderne n Bauorganismen: Exakt geprägte Form, Einfachheit im Vielfachen, Gliederung aller Baueinheiten nach den Funktionen der Baukörper, der Straßen un d Verkehrsmittel, Beschränkung auf typische Grundforme n un d ihre Reihung un d Wiederholung. Ein neuer Wille wird spürbar, die Bauten unserer Umwelt aus innerem Gesetz zu gestalten ohn e Lügen un d Verspieltheiten, ihren Sinn und Zweck aus ihnen selbst heraus durch die Spannung ihrer Baumassen zueinander funktionell zu verdeut liehen und alles Entbehrliche abzustoßen, das ihre absolute Gestalt verschleiert. Die Baumeister dieses Buches bejahen die heutige Welt der Maschinen und Fahrzeuge und ihr Tempo, sie streben nach immer kühneren Gestaltungsmitteln, um die Erdenträgheit in Wirkung und Erscheinung schwebend zu überwinden.

 

Walter Gropius, 1925.

 

(1) Um einem breiteren Laienpublikum zu dienen, beschränkt e sich de r Herausgeber im wesentlichen auf Abbilde r äußere r Bauerscheinungen . Typisch e Grundrisse und Innenräume werde n in einem späteren Band e folgen.

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